• Personal report
  • Pandemietagebuch eines Gewerkschaftsvertreters

  • Von Joseph Healy | 04 Aug 20 | Posted under: Covid-19 , Großbritannien , Soziale Bewegungen und Gewerkschaften
  • Nach dem Tod meines Freundes und Kollegen wurde ich zum Haupt-Gewerkschaftsvertreter in meinem Betrieb, einer kleinen Wohltätigkeitsorganisation, die im Londoner Stadtteil Lambeth Menschen mit Behinderung betreut. Wie viele andere Gewerkschafter_innen überall in Europa kämpfe ich derzeit um sichere Arbeitsplätze für Arbeiter_innen.

    In Großbritannien sind Wohltätigkeitsorganisationen wie die, für die ich arbeite, für Menschen mit Behinderung von grundlegender Bedeutung. Wir unterstützen beim Zugang zu Sozialversicherungsleistungen, bei Sport und körperlicher Betätigung und beschäftigen ihre Betreuer_innen. Mein Kollege und Freund Sean war Haupt-Gewerkschaftsvertreter und ich Gleichstellungsbeauftragter, weshalb ich ihn oft bei seinen Gewerkschaftsaufgaben unterstützt habe. Wir waren beide Mitglied von UNITE, der größten Gewerkschaft im Vereinigten Königreich. Seit der Reform des Bereichs Gleichstellung in der Gewerkschaft haben Mitglieder der Gleichstellungskomitees (Schwarze und ethnische Minderheiten, Frauen, LGBT+ und Behinderungen) auch einen Sitz mit Stimmrecht im Komitee ihrer jeweiligen Branche. Damit habe ich als LGBT+-Regionalvertreter im Komitee der Region „London und Osten“ auch einen Sitz im Komitee Gemeinnützigkeit, das all diejenigen vertritt, die in der Region im Bereich Ehrenamt arbeiten.

    ... ins kalte Wasser

    Kurz darauf starb Sean an einem Herzinfarkt. Ich war völlig schockiert und wir haben nicht nur einen Freund, sondern auch einen erfahrenen, einflussreichen Gewerkschaftsvertreter verloren. Ich habe also alle Gewerkschaftsmitglieder in meiner Firma zusammengetrommelt und mich einverstanden erklärt, unsere Vertretung zu übernehmen. Es war klar, dass unser Arbeitgeber uns über kurz oder lang auffordern würde, ins Büro zurückzukehren und dass ich also in kürzester Zeit so viel wie möglich über Sicherheit, Gesundheit und Arbeitsplatzsicherheit würde lernen müssen. Angesichts der Umstände waren Webinare ein wichtiger Weg, Informationen weiterzureichen und aktuelle Themen zu diskutieren. Also fing ich auf dem Höhepunkt der Pandemie an, an vom Trades Union Congress (TUC) und von UNITE organisierten Webinaren teilzunehmen und die von der Gewerkschaft an alle Arbeitsstätten überstellten Leitlinien für Sicherheit und Gesundheit zu lesen. Mir war das alles neu. An vielen Arbeitsstätten haben Gewerkschaften Vertreter_innen für Gesundheit und Arbeitsschutz, wir sind aber ein sehr kleiner Betrieb und haben deshalb niemanden.

    Die Gewerkschafts-Webinare waren für mich viel mehr als nur ein Weg, wichtige Informationen zu erlangen: Ich lernte so auch Vertreter_innen anderer Gewerkschaften kennen, insbesondere aus der Lehrergewerkschaft und der Verkehrsgewerkschaft. Beide Gewerkschaften vertreten Arbeiter_innen, die sich gegebenenfalls an vorderster Front wiederfinden könnten und später stellte sich tatsächlich heraus, dass viele Transportarbeiter_innen am Virus verstorben waren. Unterstützt von der rechtsgerichteten Presse drängte die Regierung die Lehrergewerkschaft, die Schulen schon im Mai wieder zu öffnen und Kindern eine Rückkehr zu ermöglichen. Die Wiedereröffnung wurde von Schulleiter_innen unterstützt, während die Gewerkschaft schwerwiegende Bedenken hinsichtlich Sicherheit und Gesundheit ihrer Mitglieder hatte und erst ihre Rechte klären wollte. Im Webinar haben sie außerdem berichtet, dass es einen großen Mitgliederzuwachs gegeben habe und dass dies in vielen Gewerkschaften der Fall sei.

    Vor ein paar Jahren war der gewerkschaftliche Organisationsgrad auf einem historischen Tiefpunkt angelangt und betrug nur 23 %. Die Pandemie hat dann viele Arbeiter_innen daran erinnert, dass die Gewerkschaften in Situationen, in denen viele Arbeitgeber_innen ihren Angestellten keine Schutzausrüstung stellen oder diese unter unsicheren Bedingungen zurück an die Arbeit beordern, ein Schutzschild ist.

    Konfrontation

    In dieser schwierigen Situation habe ich die Gewerkschaftsmitglieder meines Betriebs zusammengerufen und wir waren uns einig, dass unser Arbeitgeber alle Anforderungen an Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz würde erfüllen müssen. Auch eine bei der Gewerkschaft beschäftigte Person war dabei, um uns den Standpunkt der Gewerkschaft zum Virus darzulegen. Die Kurzfassung lautet, dass die Gewerkschaft der Meinung war, dass niemand zur Arbeit zurückkehren sollte, wenn es nicht absolut unumgänglich sei. Diese Position übernahmen wir zusammen als unsere eigene. 

    Zu jenem Zeitpunkt war der Standpunkt der Regierung, dass so viele Menschen wie möglich von Zuhause arbeiten und soweit irgend möglich den ÖPNV vermeiden sollten. Es war klar, dass die britische Regierung die Kontrolle über das Virus verlieren würde, die Infektionsrate stieg an und mit ihr die Sterberate. Es stellte sich heraus, dass das Vereinigte Königreich die höchste Sterberate in Europa hatte, inoffizielle Zahlen (das nationale Statistikzentrum hat die über die saisonale Sterberate hinausgehenden Todesfälle berechnet) lagen bei 65.000, die offiziellen bei etwa 40.000. 

    Anfang Juni begann die Regierung nach und nach, nicht-essentielle Geschäfte wieder zu öffnen und änderte die offizielle Losung von „Bleiben Sie zuhause, bleiben Sie gesund“ in das verwirrende „Bleiben Sie wachsam, bleiben Sie gesund“. Das war ein deutliches Zeichen dafür, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie der Regierung Kopfschmerzen bereiteten und dass es jetzt eher darum gehen würde, dass die Leute eben nicht zuhause blieben. Als Teil einer Hochrisikogruppe und Zuhausebleibender bedeutete das für mich keinen Unterschied, aber es war eben gleichzeitig ein Zeichen für die Gewerkschaften, dass es möglicherweise verstärkt Konflikte mit Arbeitgeber_innen über die Rückkehr zur Arbeit geben würde. 

    Sichere Rückkehr an den Arbeitsplatz

    Viele gemeinnützige Organisationen waren in großen finanziellen Schwierigkeiten und wollten Stellen abbauen. UNITE gelang es jedoch durch Lobbyarbeit und Verhandlungsgeschick viele von ihnen davon zu überzeugen, ihre Mitarbeiter_innen zu behalten und vom staatlichen Job-Rettungsschirm bezahlen zu lassen, der die Kosten für Arbeiter_innen übernimmt, wenn deren arbeitgebende Organisation Löhne und Gehälter nicht mehr bezahlen kann. Dieses Programm sollte ursprünglich bis Juli laufen, wurde dann aber bis Oktober verlängert und soll Arbeitgeber_innen ermutigen, ihre Mitarbeiter_innen zu behalten, bis sich die wirtschaftliche Situation stabilisiert hat und diese zur Arbeit zurückkehren können. Allerdings war sich mit fortschreitender Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage herausgestellt, dass viele dieser Angestellten keine Arbeit mehr haben, zu der sie zurückkehren können und deshalb im Oktober gekündigt werden. 

    Außerdem hat sich in dem Meeting gezeigt, dass einige kleinere Organisationen, meine zum Beispiel, riesige Probleme haben würden, die Arbeitsplätze Covid-sicher zu gestalten. Das hängt damit zusammen, dass viele dieser Einrichtungen in alten, engen Räumlichkeiten untergebracht sind, die sich nur schwer an Abstandsgebote usw. anpassen lassen. Das wurde in meinen Verhandlungen mit meinem Arbeitgeber zu einem der wichtigsten Punkte.

    Im nächsten Schritt auf dem Weg zu einer sicheren Arbeitswiederaufnahme kristallisierten sich drei Phasen heraus. Diese drei Phasen wurden vom Arbeitgeber festgelegt und sind im Einklang mit der Sicherheitsgesetzgebung. In der ersten Phase sollte eine Risikobewertung für das gesamte Gebäude durchgeführt werden, dann eine individuelle Risikobewertung für alle Angestellten einzeln, und zuletzt eine Risikobewertung für unsere Einrichtung, also die von uns genutzten Büroräume und Küchen. Fest stand, dass ich für die Risikobewertung unserer Einrichtung hinzuzuziehen war, für die anderen beiden war das weniger klar.

    Der Risikobewertung für das Gebäude würde eine Schlüsselrolle zukommen, da alle im Gebäude arbeitenden Personen Zugang zum Empfangsbereich, dem Fahrstuhl, den Treppen und den Räumen im Erdgeschoss brauchen. Mir war klar, dass das Gebäude zu der Zeit für einige wenige Stunden am Tag geöffnet war und dass Angestellte anderer Organisationen in ihren Büros einen reduzierten Dienst taten. Ich verlangte also Einblick in den Entwurf der Gebäuderisikobewertung. Abgesprochen war, dass ich dem Leiter gegenüber Anmerkungen machen würde, der diese in den Dokumentenentwurf übernehmen würde (oder eben auch nicht), bevor er diesen der Gesellschaft, die das Gebäude betreibt, übergibt.

    Im Entwurf sah ich, dass insgesamt der Wunsch bestand, Belegschaft und Kund_innen zu schützen. Dennoch war er offensichtlich lückenhaft und einige dieser Lücken ließen alle Alarmglocken schrillen. So war zum Beispiel keine Rede von Mund-Nasen-Bedeckungen für Besucher_innen und das Abstandhalten wurde zwar erwähnt, die Abstände jedoch nicht näher definiert. Am bedenklichsten erschien mir der Vorschlag, dass Mitarbeiter_innen sich in 2 Räumen im Erdgeschoss mit Kund_innen treffen würden, die über keinerlei Lüftungsmöglichkeiten verfügen. Ich bat also darum, dass diese Räume nach jedem Besuch gelüftet und sorgfältig desinfiziert werden. Das verlangte dem Gebäudeeigentümer einige Änderungen an den betreffenden Räumen ab.

    Das andere Thema, das ich aus den Gewerkschaftssitzungen mitgenommen hatte, war das obwohl die Regierung ihre ursprüngliche Empfehlung eines Abstandes von 2 Metern zu anderen Personen aufgeweicht hatte und die neue Empfehlung lautete, dass, wenn sich dieser 2-Meter-Abstand nicht einhalten ließ, ein 1-Meter-Abstand bei gleichzeitiger Maske zu wahren sei, die Gewerkschaft einen Abstand von 2 Metern immer noch für die sichere Entfernung hielt.

    Außerdem mache ich mir Gedanken über die „individuelle Risikobewertung“ die unser Arbeitgeber für jede_n Einzelne_n vornimmt und die darauf beruhen, welchen Gefahren ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin im Einzelnen ausgesetzt ist. Diese Gefahren reichen von persönlichen Gesundheitsproblemen oder Behinderungen, die Mitarbeiter_innen gefährden könnten bis hin zu der Frage, wieviel Zeit sie in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen müssen, wenn sie diese nutzen müssen. Zwar fällt der Arbeitsweg im ÖPNV eigentlich nicht in den Zuständigkeitsbereich des Arbeitgebers, er ist aber doch ein wichtiger Faktor für die Gesundheit einzelner Personen. Neben mir, der persönlich einer Hochrisikogruppe angehört, wohnt eine Person mit einem Elternteil fortgeschrittenen Alters zusammen und andere haben eine lange Anreise mit der U-Bahn, die viele nervös macht.

    Die Regierung Johnson hat in dem Versuch, Menschen zurück zur Arbeit zu zwingen, gerade die frühere Empfehlung gegen die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs fallengelassen und ermutigt die Menschen jetzt, wenn möglich zur Arbeit zurückzukehren und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Ironischerweise erklärt am Tag bevor diese neue Vorgabe bekanntgegeben wurde der wissenschaftliche Chefberater der Regierung einem Parlamentsausschuss gegenüber, dass Menschen möglichst lange von Zuhause arbeiten sollten und er dies als die sicherste Variante betrachte. Doch diese veränderte Regierungsposition wird einige Arbeitgeber_innen zu dem Versuch ermutigen, ihre Angestellten wieder zur Arbeit zu zwingen. 

    Die Situation im Vereinigten Königreich wird immer schlechter. Der wissenschaftliche Chefberater geht von einem schwierigen Winter mit mehreren Viruswellen aus. Das System aus Nachverfolgung und Covid-Tests der Regierung wurde an Unternehmen aus dem Umfeld des Chefberaters von Boris Johnson ausgelagert, gilt eher als Witz und wurde von medizinischen Experten breit kritisiert die davor warnen, dass Tausende von Infektionen nicht verfolgt und getestet werden. 

    Inmitten dieser schweren Zeit voller realer Ängste darüber, wie das Gesundheitssystem mit der Situation fertigwerden soll und der Aussicht auf Millionen von Arbeitslosen im Oktober kämpfe ich darum, sowohl die Arbeitsplätze als auch die Gesundheit meiner Gewerkschaftsgenoss_innen zu bewahren. Ich gehe weiterhin davon aus, dass wir mit genug Druck und hoher Organisation sicherstellen können, dass meine Kolleg_innen ihre Arbeit sicher wieder aufnehmen können, doch werden wir das erst tun, wenn unsre Arbeitsplätze 100 % Covid-sicher sind. Vielen Arbeitnehmer_innen wird gerade klar, dass die Gewerkschaften ihr bester Schutz in dieser Krise sind. Und auch ich trage einen kleinen Teil zum Kampf von Gewerkschaften und Gewerkschafter_innen gegen ein System bei, dessen einzige Ratio der Profit ist und in dem Sicherheit und Gesundheit seiner Arbeiter_innen erst an zweiter Stelle kommen. Ich sehe mich Teil einer Welle von Aktivist_innen in Europa, die diesen Kampf um das Recht von Arbeitnehmer_innen auf einen sicheren Arbeitsplatz teilen. Dies ist das erste Kapitel in einer neuen Ära des gewerkschaftlichen Kampfes.


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