• Konferenzbericht
  • BrückenBauer. Nachbarschaft Mitteleuropa?

  • Von Tamara Ehs | 29 Jan 19 | Posted under: Österreich , Zentral- und Osteuropa , Linke , Geschichte
  • Zum 100. Geburtstag der Republik veranstalteten transform!europe und das Jahoda-Bauer-Institut eine Konferenz über Perspektiven einer gemeinsamen Strategie für den Donauraum und Mitteleuropa. Die Veranstaltung wurde finanziell durch den Zukunftsfonds der Republik Österreich und die Europäische Linkspartei unterstützt.

    Basierend auf den Überlegungen von Otto Bauers Schrift Die österreichische Revolution (1923), in der er die sozialen und demokratischen Umbrüche des Jahres 1918 erörterte, diskutierten wir zeitgenössische politische Entwicklungen in Europa. In Hinblick auf die zeitgleich stattfindende EU-Ratspräsidentschaft standen Themen wie Bauers Transformationstheorien und seine Auseinandersetzung mit der „nationalen Frage“, die angesichts eines wiedererstarkenden Nationalismus höchste Aktualität erhalten haben, im Mittelpunkt.

    Den Auftakt am 30. Oktober bildete eine Abendveranstaltung zur Feier des 100. Geburtstags der Ersten Republik Österreich. In ihrer Eröffnungsrede erinnerte die Politikwissenschafterin Tamara Ehs daran, dass am 30. Oktober 1918 die Provisorische Nationalversammlung jene von Karl Renner ausgearbeiteten Grundsätze angenommen hatte, die fortan die erste republikanische Verfassungsurkunde bildeten. Mit Blick auf die Tagespolitik mahnte Ehs, dass wir heute einer „nationalistischen Internationalen“ gegenüber stünden, die in ihrem völkischen Nationalismus grenzüberschreitend agiert und kooperiert, und stellte fest, dass  der Rechtsautoritarismus nur herauszufordern sei, wenn man die neue Soziale Frage löse. Als Handlungsanleitung gab sie an, den Kampf um das Primat der Politik über die Wirtschaft wieder aufzunehmen und die finanzialisierte Globalisierung ebenso einzuhegen, wie man es die Sozialdemokratie vor 100 Jahren beim Thema Kapitalismus für sich in Anspruch genommen hatte.

    Im Anschluss an die Rede von Tamara Ehs las der Schriftsteller Andreas Pittler Passagen aus seinem Buch Wiener Kreuzweg und schilderte die politischen Geschehnisse zwischen 1918 und 1938. Ihm folgte der Historiker Georg Spitaler (Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, VGA), der einen Überblick über den VGA-Bestand zu Otto Bauer und einen Hinweis auf die ab 30. April 2019 im Wien-Museum zu sehende Ausstellung Rotes Wien gab. Im Anschluss daran hielt die Soziologin Ksenija Vidmar Horvat (Universität Ljubljana) die Keynote über Mitteleuropa, Austromarxism and Progressive Europe und erinnerte an gemeinsame und geteilte austromarxistische Wissens- und Aktivitätstraditionen Österreichs und des postsozialistischen Raumes. Ihre Ausführungen bildeten einen ersten Hinweis auf die Themen der wissenschaftlichen Konferenz, die tags darauf folgen sollte.

    Bevor Walter Baier (transform!europe) eine Podiumsdiskussion zur Frage der Aktualität Otto Bauers und des Austromarxismus moderierte, stellte er seine Forschungen zum Thema dar. Am Podium diskutierten Marcus Strohmeier (Internationales Referat des ÖGB), Gáspár Miklós Tamás (ehem. Politiker und Philosoph, Ungarn), Georg Hubmann (Jahoda-Bauer-Institut, Linz) und Eva Maltschnig (Sektion 8, SPÖ) ihre persönlichen Zugänge zur austromarxistischen Theorie und Praxis.

    Umrahmt wurde der Abend von der Politischen Blaskapelle IMI (Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der Universität für Musik und Darstellende Kunst, Wien) unter der Leitung von Universitätsprofessor Christian Glanz. Neben der heute nur noch selten gehörten Staatshymne der Ersten Republik (1920-1929) Deutschösterreich, du herrliches Land (Musik: Wilhelm Kienzl, Text: Karl Renner) gab die Kapelle Hanns Eisler und Bert Brecht zum Besten (Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens, Einheitsfrontlied, Lied der Kupplerin, Solidaritätslied) und erinnerte an die stets politische Komponente der Kunst und ihren Stellenwert in der Arbeiter/innenbewegung.

     

    Der folgende Tag (31. Oktober) war in zwei Panels der wissenschaftlichen Erörterung gewidmet. Am Vormittag sprachen Günther Sandner (Universität Wien), Ksenija Vidmar Horvat (Universität Ljubljana), Joanna Gwiazdecka (Rosa Luxemburg-Stiftung) und Gábor Egry (Institute of Political History, Budapest) unter der Moderation von Walter Baier zur gemeinsamen Wissens- und Aktivitätstradition des Austromarxismus in Zentraleuropa. Während Sandner grundsätzlich darlegte, was der Austromarxismus in Theorie und Praxis eigentlich bedeutete, führte Ksenija Vidmar Horvat ihre Ausführungen vom Vorabend speziell mit Blick auf die slowenische Rezeption des Austromarxismus fort. Joanna Gwiazdecka gab einen Überblick über die Aufnahme und Weiterentwicklung austromarxistischer Ideen in Polen und der Tschechoslowakei, während sich Gábor Egry auf Ungarn konzentrierte und vor allem das Nationalitätenprogramm Otto Bauers in Hinblick auf die in Ungarn lebenden Minderheiten besprach.

    Der Nachmittag war der Aktualität Otto Bauers und des Austromarxismus für die europäische Integration gewidmet. Mario Holzner (Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, wiiw), Silvia Nadjivan (Institut für den Donauraum und Mitteleuropa, IDM), Ephraim Nimni (Queens University Belfast) und Michael Löwy (Centre national de la recherche scientifique, CNRS, Paris) erörterten unter der Moderation von Barbara Steiner (transform!europe) die Anschlussfähigkeit von Otto Bauers Werk.

    Der wissenschaftlichen Diskussion folgte eine abschließende politische Bewertung durch die Wissenschaftshistorikerin Helena Sheehan (Dublin City University) und Mirko Messner (Bundessprecher der KPÖ).

     

    Sämtliche Konferenzbeiträge werden 2019 als Sammelband im Mandelbaum Verlag erscheinen.

     


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