• Bericht: Internationale Konferenz in Kopenhagen, 16. März
  • „Alternativen zum Wachstum”

  • Von Inger V. Johansen | 18 Apr 13
  • Diese zweite von Transform!Danmark organisierte Konferenz – die erste fand vor einem Jahr statt – bestätigte, dass es die richtige Entscheidung war, nach der letztjährigen Konferenz zu „Die Krise in Europa – Linke Alternativen“ die Debatte über Alternativen zum Wachstum zu befördern.

    Schon vor Beginn der Konferenz zeigte sich das große Interesse. Obwohl wir uns vorgenommen hatten, weniger ehrgeizig als im Vorjahr zu sein – die diesjährige Konferenz dauerte nur einen Tag – haben die rund 140 Teilnehmer_innen das Fassungsvermögen des Raumes gesprengt. Die Beiträge der Redner_innen hatten eine extrem hohe Qualität, wodurch die Konferenz den Teilnehmer_innen in guter Erinnerung bleiben wird. Die zahlreichen positiven Rückmeldungen bestätigen dies. 

    Die Tagung fokussierte auf die notwendige Debatte zu ökologischen und gerechten Alternativen zur Mainstream-Ökonomie und hat als solche die Diskussion zu linker Alternativen fortgeführt und erweitert.

    In Zeiten von Krise und Rezession ist Wachstum zu einem Mantra geworden, das mit dem Bedarf an Arbeitsplätzen begründet wird. Es führt aber kein Weg vorbei an einem anderen, kritischen Denken über Wachstum und an einer Entwicklung alternativer Politik, auch in Zeiten der Krise, wenn das Ziel darin besteht, Gesellschaften im Sinne ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit zu gerechten Gesellschaften zu verändern.   


    Die Redner_innen

    Gabriele Michalitsch, Politikwissenschafterin und Ökonomin an der Universität Wien, sprach über die Formierung des neoliberalen Subjekts und darüber, wie der Neoliberalismus sich sowohl auf alle Teile der Gesellschaft erstreckt als auch sich im Inneren des Individuums breit macht – Ausdruck der Theorie zum Humankapital. Sie präsentierte neun Postulate, die in der neoliberalen Gesellschaft unser Unbewusstes bewegen: Eigenverantwortung (die Konzentration auf sich selbst), Unternehmertum, Aktivität (in Verbindung zu Initiative), Fitness, Wahlfreiheit (in Bezug auf den Markt), Wettbewerb, Selbstproduktion, das Verdienstprinzip (als Grundprinzip für Ungleichheit), Fairness (aber nicht Gerechtigkeit) und Privatisierung. Sie hob hervor, dass sich auf Grundlage dieser Annahmen die öffentliche Sphäre verengt und Feminismus, zum Beispiel, zu einem individuellen Problem verkommt – eine Frau soll sich selbst emanzipieren. Er ist keine gemeinsame Aufgabe mehr. Es herrscht ein individueller Überlebenskampf. „Die Linke soll diese neoliberalen Annahmen in Frage stellen und ihnen entgegentreten“, meinte sie. „Wir müssen versuchen, alternative Zugänge zu Wachstum zu erarbeiten und eine Debatte zum negativen Wachstum zu entfachen.“

    Inge Røpke, Professorin an der Aalborg Universität in Dänemark, befasste sich mit der Notwendigkeit einer umweltfreundlichen Ökonomie. Sie erklärte, warum das BNP ein ungeeignetes Messinstrument für das gesellschaftliche Wohlbefinden ist, da Sozialleistungen und deren Kosten beide als positiv ins BNP hineingerechnet werden – und bezog sich auf den Fetisch des BNP in heutigen Gesellschaften. Mit dem Begriff des „sozialen Stoffwechsels“ erläuterte sie die menschliche Interaktion mit der Biosphäre und weshalb für diese das Ausmaß des Konsums von äußerster Bedeutung ist. Heute sehen wir die Zeichen der Begrenztheit unseres Planeten, u.a. in Form des Klimawandels. Inge Røpke empfahl, sich zum Thema Begrenztheit des Planeten folgendes Video anzusehen: http://www.stockholmresilience.org/21/research/research-programmes/planetary-boundaries.htmlSie schlug vor, unterschiedliche Indikatoren für das Ausmaß, einschließlich der Gewinnung und der materiellen Flüsse von fossilen Brennstoffen, Mineralien, Metallen und Biomasse ebenso wie das Ausmaß des lokalen und regionalen Konsums im Verhältnis zur „vollen Welt“ eines näheren Blickes zu würdigen. Dabei betonte sie die Notwendigkeit einer Weltsicht, die Fakten wie die folgenden zur Kenntnis nimmt: „Wenn ich die Ressourcen aufbrauche, kannst du das nicht mehr“ und „Geld kann sich ausdehnen, aber nicht die wirkliche Realökonomie“. Deshalb brauchen wir eine neue Konzeptualisierung des ungerechten Geldtauschs, die nicht nur die Handelsbeziehungen in monetärer Form zum Inhalt hat, sondern auch die physischen Bedingungen, unter denen die globalen Ungerechtigkeiten noch mehr vorherrschen als in Geldangelegenheiten. 

    Petter Næss, Professor an der Norwegischen Universität für Lebenswissenschaften, sprach zu grundlegenden Widersprüchen zwischen einem profitorientierten Wirtschaftssystem und langfristiger Umweltnachhaltigkeit. In einer profitorientierten Wirtschaft ist die Kapitalakkumulation die treibende Kraft und führt Negativwachstum der Wirtschaft zu schwerwiegenden Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen. Andererseits ist eine Entkoppelung des Wirtschaftswachstums von Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung nur innerhalb bestimmter Sektoren oder Produkttypen und nur innerhalb relativ kurzfristiger Zeitperspektiven möglich. Petter Næss brachte Beispiele aus dem Städtebau in Dänemark und Norwegen, um zu erklären, warum gute Initiativen zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs von Bumerangeffekten unterminiert werden, wenn Gesellschaften sich nicht so verwandeln, dass sie auf ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit aufgebaut sind. Er schloss mit der Feststellung, dass grünes Wachstum eine Illusion sei. Weiters erklärte er, wie Annahmen eines Kapitalismus im stabilen Zustand die Beziehung zwischen Kapital und Mehrwert missachten, welche insofern einen starken Mechanismus darstellen, als durch sie die kapitalistische Wirtschaft zu grenzenlosem Wachstum angetrieben wird. Petter Næss betonte die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen hin zu einem „Ökosozialismus“.

    Christa Wichterich schließlich, Professorin an der Universität Kassel und aktiv bei Women in Development Europe (WIDE), zeigte auf, wie ökonomische Fragestellungen aus einer feministischen Perspektive der gesellschaftlichen Reproduktion neuerlich politisiert werden können und betonte das emanzipatorische Potential der Care-Ökonomie. Sie sieht die einzelne Frau von vielerlei Umwelten umgeben: Die erste ist der Körper, wo die Care-Arbeit zum Tragen kommt. Weitere sind Arbeit, Nahrungssicherheit, Waren, Ressourcen (Energie). Sie sieht das Dogma kapitalistischen Wachstums als Kreislauf von Aufschwüngen und Einbrüchen, als Abfolge von Krisen. Der kapitalistische Markt funktioniert durch gesellschaftliche Reproduktion, d.h., die unbezahlte Care-Arbeit und die Wiederherstellung der Natur. Sie sieht unbezahlte Care-Arbeit als Arbeit, woraus folgt, dass wir die Unterscheidung zwischen Produktion und Reproduktion aufgeben müssen. Wir müssen Care-Arbeit anerkennen und in dieser Hinsicht unsere Denkweise entkolonialisieren. Ausführlich sprach sie über die Perspektive feministischer politischer Ökonomie (Ökofeminismus) und fand eine große Schnittmenge zum „Buen Vivir“-Konzept der indigenen Völker Lateinamerikas. Zum Beispiel gibt es in Bolivien und Ecuador ein Aufeinanderprallen von Ökologie und dem Sozialen. Durch den Verbrauch natürlicher Ressourcen ist es möglich, Sozialprogramme umzusetzen.      


    Schlussfolgerungen

    Die Redner_innen fokussierten auf Information, Wissen und die Offenlegung des herrschenden Denkens, um das Verständnis für den notwendigen Bruch mit der neoliberalen, kapitalistischen Logik zu befördern und einen Systemwandel herbeizuführen. Es gibt im Hinblick auf die Entwicklung konkreter alternativer Politik noch immer eine große Menge an Themen, die zu diskutieren wären. Dies wird bei einer nächsten Konferenz nachgeholt. 

    In Bezug auf die Notwendigkeit einer Veränderung waren die Redner_innen einhelliger Meinung. Allerdings gab es Unterschiede bezüglich der Art des Systemwandels – einerseits ist eine Offenheit gegenüber einem eher schrittweisen und reformistischen Zugang zu verzeichnen, andererseits gibt es viele, die von der Notwendigkeit des Bruchs mit dem kapitalistischen System überzeugt sind, um erst eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. 

    Abschließend gab es eine Podiumsdiskussion mit dem Publikum, mit Fragen, die die Erfahrungen der Redner_innen betrafen, wie ein Umdenken herbeigeführt werden könne. Leider waren die Redner_innen nicht sehr optimistisch und beschrieben ihre eigenen Schwierigkeiten, mit denen sie in der akademischen Welt konfrontiert sind und in der es eine klare Tendenz dahingehend gebe, alternative Sichtweisen zu marginalisieren.